Erfahrungen,

nach jedem größeren Schadensereignis sind wir bereit eine Nachsorge ehrenamtlich mit ins Leben zu rufen.

Melden Sie sich bei uns.

s-jatzko@t-online.de 

oder bei der Stiftung Notfallseelsorge

http://www.ekir.de/notfallseelsorge/stiftung-notfallseelsorge-6.php

  
  Beginn von Katastrophennachsorge 1988 nach der Flugtagskatastrophe von  Ramstein (28.8.1988) 
  Buch erschienen über Katastrophennachsorge

  
  Nachsorge der Hinterbliebenen des Flugzeugabsturzes in der Dom Rep. der  Birgenairmaschine 1996 Ein Buch erschienen 2006
  
  Begleitung der Hinterbliebenen des Seilbahnunglückes in Kaprun (2000)
  
  Terroranschlag in Bali (12.10.02)
  
  Begleitung der Hinterbliebenen des Attentates in Erfurt (26.4.02)
  
  Begleitung der Hinterbliebenen des Busunglückes in Hensis (20.12.03)
  
  Mitarbeit in einem Ausschuss von NOAH ( Nachsorge, Opfer,  Angehörigen-Hilfe) am Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe  10 Jahre
  
  Seit 15 Jahren Leiterin eine Traumagruppe im Weiterbildungszentrum des  Westpfalzklinikums Kaiserslautern 
  
  Begleitung der Tsunamiopfer in  Thailand in Gruppen sowie in  Einzeltherapie


  Flugzeugunglück in Nepal (8.10.08)
  
  Gutachten für die Entschädigung  der Opfer des La Belle  Terroranschlages
  
  Einleitung einer Nachsorgegruppe für Überlebende und Hinterbliebene des  Lawinenunglückes in Kamtschatka  10.4.2010
  
  Im Auftrage der Notfallseelsorge und der Kirche des Rheinlandes
  Einleitung und Betreuung der Hinterbliebenen der Love Parade vom 27.4.2010
  Hotline, Mailberatung, psychologische Ombudsfunktion

Begleitung der Hinterbliebenen und Opfer des Erdbebens in Nepal

Begleitung gemeinsam im Team der Stiftung Notfallseelsorge
der Hinterbliebenen des German Wings Flugzeugabsturzes


Begleitung der Terroropfer Tunsesien, Istanbul usw.
  

  
  Erklärungen zu den einzelnen Punkten,  die ich anlässlich vieler Nachsorgegruppen entwickelt habe.
  
  Zeitpunkt:
  nach einem Großereignis, sollte so schnell wie möglich ein Beginn der  Nachsorge gefunden werden. 
   Gerade in der ersten Zeit nach der Katastrophe sind die Betroffenen mit den  administrativen Aktivitäten beschäftigt und brauchen Beistand. Durch die  eigene Lähmung in der Trauer oder Traumatisierung sind alle Anstrengungen für  diese Formulargeschäfte besonders groß und wir Helfer müssen  sozialarbeiterische Elemente miteinbeziehen.
  
  Aktives Zugehen auf die Betroffenen:
  Betroffene müssen „abgeholt“-, eingeladen werden, damit sie Entlastung  erfahren sowie die anderen Menschen kennen lernen können. Betroffene kennen  häufig diese Form der Nachsorge nicht und müssen sie erst lernen. Wir können  nicht die Aktivitäten der Betroffenen verlangen. Hinterbliebene befinden sich  in einem sehr inaktiven Zustand (geschockt und gelähmt). Die Einladung  vermittelt diesen Menschen ein Gefühl von Fürsorge und ermöglicht die  Begleitung im Trauerprozesses.
  
  Das hat besondere Aspekte zur Folge:
  Einmal können diese Betroffenen andere Mitbetroffene kennenlernen, und fühlen  sich schnell verstanden.  Viele haben nach einem Großschadensereignis,  in das viele Menschen invulviert sind, das Bedürfnis, Gleichbetroffene  kennenzulernen. Sie wollen sich austauschen; Aktivitäten entwickeln,  Gemeinsamkeiten spüren. Sie merken dann, dass sie sich nicht nur auf das  eigene Leid konzentriert sind, sondern auch andere hören. Dieses Hören der  Anderen eröffnet die Möglichkeit, Beziehungen in einer Situation zu  entwickeln, die der Vereinzelung entgegenwirkt. Menschen mit einer  beginnenden abnormen Trauerreaktion können beraten werden, um sich Hilfe in  Einzelbegleitung zu holen.
  
  Die verschiedenen hilfreichen Rituale können gemeinsam gefunden werden, um  eine eigene Art der Trauer zu finden. Die Gruppe ist ein Ort, wo die  belastenden Gefühle eingebracht und ausgedrückt werden können. Danach ist es  den Menschen eher möglich eine Fassade innerhalb der Gesellschaft  aufrechtzuerhalten.  Viele berichten, das sie außerhalb der Gruppe  schlecht ihre Gefühle zeigen können. Nach einem Jahr beginnt diese Gruppe  einen größeren Stellenwert zu bekommen. Diese hier entstandenen Beziehungen  sind gleichsam das Fundament, um außerhalb in der Berufswelt eher Normalität  zu erlangen. Das Trauerjahr, dass ihnen von der Gesellschaft zugestanden  wird, ist zu Ende. In der Gruppe kann nun mehr besprochen werden, wie es in  der inneren Welt aussieht. Hier erfahren die Trauernden, dass sie angenommen  und nicht bewertet werden, denn andere reagieren ähnlich.
  
  Nun beginnen ähnlich wie in der „Ramsteingruppe“ die Traumatisierten  hinzuzukommen. Traumatisierte können nicht unmittelbar nach einem Trauma in  Nachsorgegruppen gehen.
  
  Traumatisierte brauchen erst einmal Stabilität und innere Sicherheit, die sie  mit dem Versuch die alltägliche Welt aufrechtzuerhalten, herzustellen  versuchen. Nur wenn die Teilnahme an einer Nachsorgegruppe mit Trauernden für  sie einen Sinn erfüllt sind sie bereit eher dabei zu sein. Ein Sinn kann  sein: dass Trauernde von ihnen erfahren wollen wie es an dem Ort gewesen ist,  an dem ihre Angehörigen umgekommen sind. Sie wollen von ihnen wissen, was sie  erlebt haben, wie sie es erlebt haben. Diese Schilderungen haben eine sehr  große entlastende Funktion. Die Phantasie von Hinterbliebenen bezüglich des  Erlebens, der Schmerzen und allem Grausamen, was die Verstorbenen vielleicht erlebt  haben, kann mit diesen Schilderungen in reale Bahnen gelenkt werden und hilft  nicht zwanghaften Gedanken ausgesetzt zu sein. Traumatisierte erleben in der  Schilderung ihres Erlebten berechtigtes Interesse, das ihnen das Erzählen  ermöglicht, und offensichtlich besser vor Flashbacks schützt, als wenn es  therapeutisch erzählt werden soll. Sie haben sich besser unter Kontrolle und  steuern besser was und wie sie es erzählen wollen. 
  
  Einladung zu einer geleiteten Schicksalsgemeinschaft:
  Die Einladung hilft den Betroffenen mit dem Gefühl: „ es kümmert sich jemand  um sie“.
  
  Jeder sollte sich angesprochen fühlen und es sollte vermieden werden einen  Titel zu nehmen
  
  “ Hoffen bis zuletzt“, der Menschen einlädt, die so denken aber wenig Platz  lässt für jene, die nicht so denken. In einem Vermissenden Stadium, kann  dieser Satz zu Depressionen führen weil er die innere Gedankenwelt des  Verleugnens unterstützt und das anerkennen der Realität verhindern kann. Es  ist eine Bewertung, die ganz weggelassen werden muss. Der Zustand des  Vermissens ist ein außergewöhnlicher innerer Stress und braucht in Gesprächen  Unterstützung in dem Wechselbad der Gefühle. Die Einladung sollte religiös  neutral sein, um jedem einen Platz zu ermöglichen.
  
  Es hat sich gezeigt, das es auch nicht ratsam ist, Menschen nach den äußeren  Umständen in verschiedene Gruppen zu unterteilen, das gemeinsame Ereignis ist  ausschlaggebend, es ermöglicht die heilsamen Kontakte und gibt, den  Betroffenen die Möglichkeit, für andere Mitbetroffene eine Stütze und ein  Helfer zu sein. Das bedeutet, dass unterschiedliche Helfer für eine Nachsorge  benötigt werden. 
  
  Gruppenzusammensetzung: 
  Die unterschiedlichen Betroffenheiten können in einer Gruppenzusammensetzung  ihren „Platz“ finden. 
  
   Äußere Gruppenstruktur:
  In Gemeinsamkeit wird besprochen, wie oft sich diese Gruppe trifft, wie lange  sie zusammen sein wollen, wann und wie sich diese Gruppe trennen wird. Die  Finanzierung spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Wenn eine Finanzierung  möglich ist, dann sollte diese in Anspruch genommen werden.
  
  Innere Gruppenstruktur:
  Die Gruppe legt eigene Gruppenregeln fest. Sie steuert die Themen und legt  wenn nötig Untergruppenregelungen fest. Diese Regelungen können durch die  Thematik entstehen.
  
  Informationsaustausch:
  Der Informationsaustausch spielt bei der Katastrophennachsorge am Anfang eine  große Rolle. So wünschen die Betroffenen Informationen von behördlicher  Seite, insbesondere  Informationen der Polizei (wenn es sich um  vermisste Personen handelt). Todesumstände wollen geklärt werden, damit die  Phantasie nicht zu belastend wird. Das Katastrophengeschehen will geklärt  werden, damit nicht die Phantasie entsteht, es würde etwas vertuscht oder  verheimlicht werden. Behördengänge können unterstützt und erklärt werden. Die  Berichte der Medien spielen immer wieder eine große Rolle. Es besteht der  Wunsch alles zu sammeln und zu sehen, was über dieses Geschehen berichtet  wird. 
  
  Psychotherapeutische Hilfen:
  Die zentrale Hilfe ist: jedem Hinterbliebenen in seinem eigenen Trauerprozeß  zu begleiten. Durch das Besprechen der Todesumstände erfährt der Betroffene  die Realität und ein Abschied kann eingeleitet werden. Hieraus entwickeln  sich heilsame Rituale. Die Beziehungen zum Verstorbenen können besprochen  werden und die Gruppe beschäftigt sich mit Photos und Aufzeichnungen sowie  symbolischen Objekten des Verstorbenen. Die realistische Aufklärung über den  Tod kann unter Umständen eine erschwerende Trauerbewältigung vorbeugen. Für  diese Unterstützung sind überlebende Betroffene hilfreich. Die Träume und  Schuldgefühle können in diesem geschützten Umfeld angesprochen und besser  bewältigt werden. Traumatisierte Teilnehmer (Überlebende) haben in dieser  Gruppe eine Chance das eigene Tempo der Traumaintegration aufzunehmen. Durch  das Hören der anderen kann ein langsameres eigenes Erinnern entstehen, und  die inneren Bilder sind nicht so überwältigend. Durch das immer wieder  Erzählen beginnt eine innere Integration und von großer Bedeutung ist das  Gefühl verstanden zu werden.
  
  In den Beziehungen, die in der Gruppe entstehen, werden die Rückzugstendenzen  der Traumatisierten abgemildert und sehr häufig entstehen Kontakte, die sich  in permanenten telefonischen Verbindungen untereinander stützen. Diese  Kontakte können dann für eine Jahresfeier am Ort des Geschehens von  besonderer Bedeutung sein. In der Gruppe können die aktuellen  Lebenssituationen und die beginnenden Veränderungen besprochen werden. Für  andere Gruppenteilnehmer kann sich in solchen Aussprachen die Chance  entwickeln ein Helfer für andere zu sein, um Lösungen zu finden. Das lässt  die Kraft für die eigene Bewältigung wachsen und Betroffene fühlen sich nicht  nur als Opfer.
  
  Traumatisierte benötigen den Kontakt zu Hinterbliebenen, um die eigene  Überlebensschuld bewältigen zu können. Nach anfänglicher Scheu, keinen  anderen mehr gerettet zu haben, ist der Kontakt mit Verständnis für die  eigene Situation von großer Entlastung geprägt. Besonders gewünscht wird von  Hinterbliebenen der Kontakt zu jenen Überlebenden, die am selben Ort von den  Verstorbenen gewesen sind. Sie sind das letzte Verbindungsglied zu den  Verstorbenen. Der Kontakt zu diesen Menschen wird immer wieder gerne gesucht  und die Hinterbliebenen fühlen sich dann dem Verstorbenen sehr nahe.  Spurenlesen haben wir das genannt und es braucht dieses hin- und her Gehen um  das entstandene Loch wieder flicken zu können: Metapher:„(man webt einen  Teppich)“.
  
  In der Nachsorgegruppe gibt es Zeiten von Ablenkung und manchmal beginnende  Freude. Nach anfänglichem Erschrecken entdecken die Betroffenen, das diese  Entwicklung normal ist und sein darf, ohne das Angehörige ein schlechtes  Gewissen haben müssen. Diese Entwicklungen können dann einen normalen Verlauf  nehmen, wenn Betroffenen nicht bewertet werden, sie in ihrer eigenen  Bewältigung gehört, verstanden und unterstützt werden.  
  
  Hilfestellungen:
  Innerhalb der Gruppe kann erkannt werden, das es für einzelne eine  erschwerende Verarbeitung der Ereignisse gibt. Hier können Betroffene  motiviert werden sich in Einzeltherapie zu begeben und auch bei der Suche  nach geeigneten Psychiatern, oder Psychologen geholfen werden. 
  
  Weiteres Aufnehmen:
  Ein schneller Beginn der Nachsorge ermöglicht den Betroffenen eine  Gesprächsrunde zu finden, die in dieser Situation beziehungsfähig sind und  diese Gespräche brauchen. Andere zeihen sich zuerst einmal zurück und  brauchen längere Zeit um dieses Bedürfnis des Austausches zu spüren. So ist  es für eine Gruppe wichtig nach außen hin offen zu bleiben, um jederzeit  andere Betroffene mit aufzunehmen.  Dieses Zeitversetzte hinzukommen  anderer Betroffener hat einen großen Gewinn für die Gruppe. Betroffene  Trauernde spüren in dem wiederholten Vorstellen und schildern des eigenen  Erlebens, dass sie einen Schritt hin zur Verarbeitung gegangen sind. Erst in  dieser Situation wird ihnen dieses selber bewusst. Andere spüren, dass ihnen  das Erzählen des Erlebten schon etwas leichter fällt, was für eine  Traumaintegration besonders wichtig ist. Die erneute Aufnahme von vorher  fremden Menschen fördert die Kontaktfähigkeit und verhindert die Vereinsamung  nach Verlusten.
  
  In manchen Beziehungen sind die Aussprachen in Gruppen wichtig, da die  Ehebeziehungen in dieser Zeit einem großen Stress ausgesetzt sind. Die  unterschiedliche Trauer von Frauen und Männern ist für viele schwierig zu  verstehen.
  
  Die Nachsorgegruppen sind für die unterschiedlichsten Betroffenen eine große  Möglichkeit besser mit Verlusten sowie Trauma umzugehen, jedoch ist es ein  Angebot, das nicht jedem Zugänglich ist. Je offener wir es in der  Vorbereitung halten, desto größer die Wahrscheinlichkeit viele Menschen zu  erreichen.
  
  Es ist erkennbar, dass das Gesundheitssystem entlastet wird und weniger  Einzeltherapie und medizinische Hilfe in Anspruch genommen werden muss. Für  viele reicht diese Nachsorge aus und finden mit Hilfe dieser Gemeinschaft in  die Gesellschaft zurück.
  
  Gez: Sybille Jatzko ( April 2006)